Selbstversuch im Öffentlichen Verkehr

Um den Prototyp schnell und sicher zum Wiener Team zu transportieren, war es am einfachsten, ihn per Zug bis zur halben Strecke nach Innsbruck zu bringen, wo er von Martin Morandell übernommen werden konnte.

Selbstversuch zeigt mehr als geplant

Die Hilfsbereitschaft, wenn man mit einem so auffälligen Rollator im ÖV unterwegs ist, ist beeindruckend. Der erste Zug ist ein aus Italien kommender Cisalpino. Das heisst, der Einstieg ist sehr hoch. Doch wie soll man sich verhalten, wenn man auf die Hilfe gar nicht angewiesen ist? Mit einem leicht schlechten Gewissen sage ich bereits am Zuger Bahnhof dem Bahnbegleiter, dass ich ihm für seine Hilfe dankbar sei, dass ich aber nicht behindert, sondern Entwickler sei. Zehn Minuten später beim Kontrollieren des Tickets fragt er schüchtern: Wie heisst das neue korrekte Wort für "behindert". Erst jetzt merke ich, dass er das Wort "Entwickler" nicht verstanden hat.

Begegnung im Zürcher Bahnhof. Links der sportliche Hightech-Kinderwagen, rechts der e-Drive-Walker mit Koffer.

Begegnung im Zürcher Bahnhof. Links der sportliche Hightech-Kinderwagen, rechts der e-Drive-Walker mit Koffer.

Im Zürcher Bahnhof begegne ich zwei alten Bekannten, die mit dem Hightech-Kinderwagen unterwegs sind. Es gäbe viel zu erzählen. Und normalerweise reichen fünf Minuten locker, um zum andern Gleis zu wechseln. Doch ich habe nicht damit gerechnet, dass der Lift blockiert sein könnte von andern Passagieren. Im Gegensatz zu vielen von ihnen habe ich aber gar keine Wahl, ich muss den Lift nehmen. In letzter Minute erreiche ich den Zug nach Wien und steige am erstbesten Wagen ein. Jetzt beginnt das Durchqueren von fünf Waggons. Genau so herausfordernd, wie das Verstauen des Walkers im Kofferbereich in der Wagenmitte. Erst nach einer Weile habe ich beides raus: Die Schenkel des Walkers eingeklappt, ein Rad angehoben gehts bis zum Wagen 26. Dort versenke ich die beiden Griffe und klipse das Vorderrad kurzerhand ab. Aber erst, nachdem ich den Walker auf die Seite lege, kann ich ihn verstauen. Wie ginge das alles mit einer Gehbehinderung?

...Unbestimmt verspätet - Erinnerungen an den Hitzesommer 2003 werden wach.

...Unbestimmt verspätet - Erinnerungen an den Hitzesommer 2003 werden wach.

Bei St. Anton ist Schluss. Der Zug fährt nicht mehr weiter. Man "informiert". Man wisse nicht, weshalb der Zug halte und für wie lange. Ich schreibe Martin, dass es wohl später werde und er nicht auf mich warten müsse. Seine Antwort kommt prompt. Eine halbe Stunde, bevor die erste offizielle Durchsage kommt, schreibt er: "Schienenbruch bei Landeck. Schienenersatzverkehr wird eingerichtet." Die Hitze! Alles erinnert ein wenig an den Hitze-Sommer 2003.

Im Gedränge gehts zu den Ersatzbussen. Die Hitze macht auch den Gleisen zu schaffen.

Im Gedränge gehts zu den Ersatzbussen. Die Hitze macht auch den Gleisen zu schaffen.

Jeder möchte schnell weiter, vor allem aber wieder zurück in die Kühle. Die Hilfsbereitschaft der Passagiere ist jetzt verschwunden, es gilt die Macht des Stärkeren. Kein Problem. Der Walker hat ja einen Motor. Der Busfahrer schaut das Ding an und hält den Kopf schräg: "Passt nicht". Ich klappe alles wie gehabt zusammen und widerspreche: "Passt schon!"

Mit 90 Minuten Verspätung wechsle ich am Innsbrucker Bahnhof auf das dritte Verkehrsmittel dieser Reise: Das Taxi. Ermutigt durch das Erlebnis mit dem Busfahrer versuche ich die Zweifel des Taxifahrers zu zerstreuen. Vergeblich. Erst beim nächsten Taxi, das aufschliesst, habe ich Glück. Der Fahrer hat alles beobachtet und ist neugierig genug. Ausserdem fährt er einen geräumigen Renault Espace.  Ein wenig stolz verkündet er: "Hier würden mindestens vier dieser Rollatoren hineinpassen!"